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"Liebes Leben" - ein Brief

Die folgenden Briefe habe ich von eine*m/r Leser*in bekommen, der/die mir ausdrücklich die Zustimmung zur Veröffentlichung gegeben hat. Das Geschlecht ist bewusst nicht erwähnt und der Name wurde sozusagen poetisch besetzt, "bevor hier irgendein beliebiger Name steht".

Danke für deine Offenheit und den ehrlichen Einblick.



Liebes Leben,

Ich fühle mich gerade einfach nur unendlich traurig und recht hoffnungslos. Du verläufst gerade ganz anders, als ich mir dich vorgestellt habe. Ich hatte da Lebenslust und Abenteuer im Kopf. Energiegeladene Unternehmungen und stets den Überblick, wo ich hin möchte und wie ich das anstelle.

***

Was soll ich machen, wenn eine Beziehung in meinem Leben brüchig wird? Wenn ich an einer Freundschaft ernsthaft zu zweifeln beginne? Wenn ich mir der Unverwüstlichkeit meiner Partnerschaft gar nicht mehr so sicher bin? Ist dieses Gefühl dann eben da oder ist das nur eine Frage des Wollens? Wie viel bin ich bereit zu geben, um diese Beziehungen aufrecht zu erhalten? Kann ich so viel an mir arbeiten und die Situationen annehmen lernen, dass damit das meiste aufgelöst werden kann?

Ich fühle mich diesbezüglich sehr einsam und unverstanden! Das Gefühl, dass ich bei guter eigener Verfassung auch mein Umfeld mitreiße und an schlechten Tagen mein Partner mich nicht trägt, das ist für mich keine Beziehung auf Augenhöhe. So nicht.

Jetzt sitze ich da, Kind schlafend im Wagen, ich halbwegs versöhnt aber einer Lösung noch keinen Schritt näher. Nein, so habe ich mir das wirklich nicht vorgestellt.

Es tritt im Moment quasi alles ein, was ich nie wollte: der Gedanke an ein Einzelkind, das Kind viel zu jung in den Kindergarten, Gedanken an Scheidung - ich fühle mich wie ein Versager auf der ganzen Linie.

Es gibt Tage, da kann ich das kompensieren, da flieg ich oben drüber und tauche in das alles gar nicht ein. Wenn ich es dann aber einmal wage, unter die Oberfläche zu schauen, stürzt meine Welt ein. Vielleicht muss ich durch diese Zeit einfach durch und es wird wieder leichter - so leicht es halt werden kann. Oder eine Lösung kommt mit der Zeit.

Ich weiß im Moment nicht, was du mit mir vorhast, Leben, aber ein Zitat, das ich heute auf einer Parkbank gelesen habe, scheint mir passend:

Man kann dem Leben nicht mehr Stunden geben, aber man kann den Stunden mehr Leben geben.

Das möchte ich versuchen.

Danke fürs Zuhören!

Grüße,

ein Menschenleben



Liebes Leben,

Du überraschst mich immer wieder mit deinen Launen, wenn man das so nennen darf. Oder Seiten. Ich erinnere mich an meine Stimmung, als ich dir gestern geschrieben habe. Ein komplettes Gefühl der Niederlage und die Sicherheit, dass nichts mehr gut wird. Ich weiß nicht genau, woran es liegt, aber bereits gestern nach meinem ersten Brief war mir leichter. Ich erlebe diese Gefühls-Achterbahn nicht zum ersten Mal, und trotzdem merke ich mir nicht, dass es ja schon Stunden später wieder besser ausschauen kann. Nach jedem Regen kommt wieder Sonnenschein, welche Weisheit.. Zum Glück ist es aber wirklich so, und dafür braucht man kein Hellseher zu sein. Man muss es sich nur immer wieder sagen oder ins Gedächtnis rufen.

Eine für mich ganz wichtige Lehre habe ich aus diesen Aufs und Abs gelernt:

Ich denke in miesen Momenten nicht an die Zukunft oder schmiede zumindest keine Pläne. Wenn ich in der Gegenwart bleibe, fühle ich mich zwar beschissen, aber ich verbinde dieses Gefühl nicht immer und immer wieder mit der Zukunft und liefere meinem Hirn somit dumme Ideen mit dem Potential zur Verwirklichung.

Ich habe überlegt, diese meine Gedanken überhaupt loszuschicken, weil sie doch sehr direkt sind und mich nackt fühlen lassen. Aber wo sonst, wenn nicht hier, wo es doch schon ehrlichgesagt heißt ;)

Herzliche Grüße,

eine ausgeglichene Seele


Hier ist wieder Raum für deine Gedanken und Erfahrungen :)

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