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Ehrlich gedacht..

Heute sagt eine ortsansäßige Putzfrau bei einem kurzen Smalltalk zu mir:" Ehrlich gesagt putze ich gar nicht so gerne, aber ich mag die Atmosphäre hier." Sehr erfrischend, finde ich, während ich mich für ein Erdbeer Combino anstelle.


Was ist das für eine Sache mit der Ehrlichkeit? Was prägt uns dahingehend? Erfahrungen aus der Kindheit oder etwa unser soziales Umfeld?


Als Kind macht vermutlich jede*r von uns die Erfahrung, dass Lügen ganz lange Beine haben können. Es bringt vielleicht ein schlechtes Gewissen mit sich, aber seien wir ehrlich, besser kommen wir da oft mir kleinen Schwindeleien davon. Die Wahrheit im Kindesalter hat bei mir - um ehrlich zu sein - meist Maßregelungen mit sich gebracht, wenn es um alltägliche Dinge ging.

Ändert sich das im Erwachsenenalter? Ich finde nicht. Nur, dass man als Erwachsene*r die Möglichkeit hat, das antrainierte schlechte Gewissen langsam abzubauen.


Das hier soll kein Appell an Unaufrichtigkeit werden, das liegt mir fern.

Was bringt es uns also, ehrlich zu sein? Uns selbst angreifbar zu machen? Was treibt uns an, es nicht tun?



Unsere Kulissen


Ein dienliches Hilfsmittel für den Alltag ist da die altbekannte Fassade: Jeder kennt sie gut - bei den anderen. Sie gibt uns scheinbar die Kontrolle darüber, was andere von uns sehen dürfen und denken sollen. Alles, was im Ernstfall „gegen uns verwendet“ werden kann, behalten wir besser gleich für uns. Verständlich und in meinen Augen auch gut, dass man nicht für jede*n ein „offenes Buch“ darstellt oder man jeden Gedanken mitteilen muss. Manchmal klafft diese innere Welt mit dem äußeren Erscheinungsbild jedoch sehr weit auseinander und die Aufrechterhaltung dieses Scheins kostet uns manchmal mehr Energie als wir für unser echtes, inneres „Selbst“ aufbringen.

Wo sind da die Grenzen? Dass ich in jedem System in der ein oder anderen Rolle bin, scheint mir solange gesund, als ich im Kern der Mensch bleiben darf, der ich bin. Dass ich mich nicht verstellen muss oder unwohl fühle, so zu sein wie ich bin.

Die Grenze scheint mir dort zu sein, wo ich ein Bild von mir erschaffe, dass ganz bestimmt nicht mir entspricht. Ich schreibe hier nicht von kurzfristigem Kalkül, das mir vielleicht dazu verhilft, einer unguten Situation zu entkommen oder mich als kleiner Teil einem großen Ziel näherbringt.

Mir geht es um das chronische Gestalten einer Fassade – bewusst oder unbewusst. Dieses Gefühl, doch auf der sicheren Seite zu sein, wenn man gewissen Vorstellungen einfach entspricht und Rollenbilder abdeckt.

Es beginnt mit der gewohnten Antwort „Ja, eh gut“ auf die oft gehörte Frage „Und, wie geht´s dir so?“ An dieser Stelle eine ehrliche Antwort zu geben, würde womöglich in unkontrollierbare Untiefen führen, die von der fragenden Person vermutlich auch gar nicht beabsichtigt waren.

Was hindert uns daran, ehrlich zu sein? Darauf zu vertrauen, dass ich trotzdem oder gerade deswegen weiterhin anerkannt und wertgeschätzt werde? Es fällt wohl das eine Mal leichter als an anderen Tagen, aber vielleicht ist es ja gar nicht das Ziel, dass die Wahrheit – meine Sicht darauf – den Weg zu meinem Gegenüber findet. Vielleicht muss das auch gar nicht sein und die Ur-Wahrheit ist das Unsichtbare, das uns alle hinter allen Schichten ehrlich miteinander verbindet. Klingt skurril? Darf es auch.



Eine Antwort?

Ich bin gerne ehrlich, und was mir in der Wirklichkeit so wahnsinnig schwer fällt, ist der Moment der Reaktion meines Gegenübers nach einer ehrlichen Aussage (sofern natürlich prekär). Diese unlenkbaren Augenblicke voller Spannung, die ich ja dann als Folge der Ehrlichkeit ertrage. Diese unzähligen möglichen Reaktionen voller Enttäuschung, Wut und Fassungslosigkeit.


Und dann kommt die Antwort:

"Aso, ja voll, das hab' ich mir eh auch schon gedacht. Gar kein Problem!" ...






Konkret


Auf Fragen nach meiner Befindlichkeit also einfach (einfach?) einmal mit zumutbarer Ehrlichkeit überraschen.


Mir über meine ehrlichen Bedürfnisse klar werden, um mich dann bewusst für den unbequemen Weg entscheiden zu können.


Und einfach einmal das Eis von der Eskimo-Tafel nehmen, auf das ich Lust habe, ohne den Preis oder andere Dinge zu bedenken.

Wenn meine Wahl dann auf ein Erdbeer Combino fällt, ist das in Ordnung.



Wenn du Lust hast, lass mir gern wieder deine Sicht der Dinge hier.


© 2020 by ehrlichgesagt